Mut tut gut

Mut tut gut

Wer den ersten Schritt wagt, kann es mit seinem Traum bis nach Kambodscha und Kopenhagen schaffen

TEXT: Allegra Isert

Alle reden darüber. Jeder will sich einsetzen – für Umwelt, für menschenwürdige Arbeits- bedingungen, für faire Mode. Die Dringlichkeit dieser Themen ist offensichtlich. Doch nur wenige wagen tatsächlich den steinigen Weg in die Nachhaltigkeit. Es gibt zahlreiche Ausreden: „Wenn ich älter wäre.“ „Wenn ich das Geld hätte.“ „Wenn ich wüsste wie und wo, ja, dann würde ich nachhaltiger leben.“ Hätte, hätte – Fahrradkette. Viele Leute argumentieren so und es ist auch durchaus berechtigt. Zumindest, wenn man Jana Kerkhoff nicht kennt. Alle reden, eine tut etwas.

Die 25-jährige Studentin hat ihr Leben der Nachhaltigkeit verschrieben. Sie zeigt, dass es möglich ist, einen rundum bewussten Lebensstil zu führen und auf nichts verzichten zu müssen. „Wenn man einmal mit Nachhaltigkeit anfängt, hört es auch nicht mehr auf“, lacht die Studentin. Im Rahmen ihres Mode- und Textiltechnologie-Studiums ist sie auf das Thema öko-faire Mode aufmerksam geworden. Eine lebensverändernde Begegnung.

Vorher war Jana Kerkhoff ein typisch modeaf-nes Mädchen, das ihr Geld für angesagte Labelsausgab. Dafür legte sie beim Kellnern eine extra Runde ein. Durch das Studium aber hat sie ge- lernt, was alles nötig ist, um ein Kleidungsstück herzustellen. Wie viele Ressourcen verbraucht werden, wie sehr die Mode-Industrie die Umwelt beeinträchtigt und wie stark sie den Klimawan- del vorantreibt. Damit war für sie klar: „Für mich gibt es nur eine Möglichkeit, in der Mode zu arbeiten: Darauf hin zu wirken, dass sich Sachen einfach verbessern. Ansonsten könnte ich es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.“

Leidenschaft für Fairness

Ihren Platz in der Modebranche hat sie gerade durch diese Einstellungsveränderung gefunden. Während eines Praktikums in Amsterdam lernte sie drei junge Studentinnen kennen, die ein Start-up namens „Project Cece“ gegründet haben. Das gemeinsame Interesse für nachhaltige Mode brachte sie direkt ins Gespräch.

„Project Cece“ ist eine Onlineplattform, die den KundInnen ein Angebot diverser fairer Labels zusammenstellt. Der Name der Website ist eine Abkürzung für „Project Conscious Clothing“. Nach dem Motto „making fair choices easy“ zeigt der Shopping-Guide seinen KundInnen, wo man nachhaltige Mode kaufen kann. Gleichzeitig geben sie an, wie öko-fair die einzelnen Marken tatsächlich produzieren. Jeder Kunde und jede Kundin kann also nach seinen individuellen, per- sönlichen Nachhaltigkeitskriterien das passende Kleidungsstück auswählen. Die Website bietet aber nicht nur den KundInnen einen konkreten Überblick über das Angebot, sondern schenkt auch den Marken eine separate Plattform. So weit, so gut. Jana war begeistert.

Beim ersten Treffen der Studentinnen gab es das Start-up nur in den Niederlanden. Jana fand das Projekt so interessant, dass sie sich anbot, im Falle einer Expansion nach Deutschland zu helfen. 2017 kam dann der entscheidende Anruf. Seit zwei Jahren arbeitet Jana, parallel zum Studium, nun aktiv für „Project Cece“. Sie hat die gesamte Website übersetzt und die ersten Markenkontakte in Deutschland hergestellt. Ihr Engagement in diesem Unternehmen ist für sie ein Beweis – ein Beweis dafür, mit einem guten Gewissen in der Modebranche arbeiten zu können.

Material statt Müll

Neben ihrer Position bei „Project Cece“ arbeitet Jana momentan an ihrer Bachelorarbeit. Dafür verbringt sie ein halbes Jahr in Kambodscha, wo sie das Unternehmen „Good Krama“ begleitet. In Kambodscha sind sehr viele Textilmanufakturen ansässig. In den großen Fabriken, den sogenannten Sweatshops bzw. Ausbeutungsbetrieben, arbeiten die Menschen unter verheerenden Bedingungen. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen. Für Jana ist es selbstverständlich, ihre Bachelor- arbeit bei einer Firma zu schreiben, die nachhaltige Mode produziert. Das Thema ihrer Arbeit ist die Zero-Waste-Strategy: „Was muss ein Textilun- ternehmen tun, um Stoffmüll zu vermeiden?“

Das Fair Fashion Label „Good Krama“ entwi- ckelt das Design und den Zuschnitt der Kleidung so, dass möglichst wenig Stoff als Verschnitt ungenutzt bleibt. Wenn das aber doch der Fall ist, verarbeitet die Firma alle Reste weiter zu neuen Kleidungsstücken, um die guten Materia- lien nicht wie Müll zu verbrennen. Die genutzten Stoffe werden in lokalen Webereien handgewebt. Verwendet werden Seide und biologische Baumwolle. Auch die großen Fabriken liefern inzwischen ihre Reste an. Üblicherweise bestellenMode rmen bis zu zehn Prozent mehr Materialals benötigt. Meistens landet genau dieser Anteil wieder auf dem Müll. „Good Krama“ verarbeitet diese Stoffreste, die Verschwendung der Ressourcen wird so vermieden.

Umgesetzt werden die Designs in der Näherei „fair sew“. Dort arbeiten zehn bis zwölf Frauen. Sie bekommen eine angemessene Bezahlung, weit über dem geringen Mindestlohn, der in Kambodscha üblich ist. Sie haben Aufstiegschan- cen, nähen komplette Kleidungsstücke selbst und arbeiten nicht wie am Fließband. Angestell- te von „Good Krama“, so auch Jana, sind ein- bis zweimal pro Woche persönlich in der Näherei. Sie stehen im engen Kontakt mit den ArbeiterIn- nen. Ungewöhnlich in dieser Branche.

Die Stimme erheben

Von Kambodscha aus ist Jana direkt nach Kopenhagen gereist – zum „Copenhagen Fashion Summit“, der größten Nachhaltigkeitskonferenz der Welt. Sie hat sich dort für den Youth Fashion Summit beworben, bei dem nur 100 StudentIn- nen weltweit angenommen werden. Der Youth Fashion Summit – ein Gedankenaustausch junger Menschen zum Thema Nachhaltigkeit findet jedes Jahr drei Tage vor dem großen Kongress statt. Die neue Generation soll hier Erwartungshaltungen und Forderungen an die Industrie thematisieren und Lösungsvorschläge anbieten. 

Die erarbeiteten Vorschläge werden dann in der Eröffnungsrede vor allen TeilnehmerInnen der Konferenz vorgestellt. Jana wurde als eine von acht StudentInnen ausgewählt diese Rede vor den renommiertesten Unternehmen der Mode-Industrie zu halten. Jana Kerkhoff – eine junge Studentin, die mit Leidenschaft überzeugt.

Ihr Fazit des Copenhagen Fashion Summit: „Den Reden müssen endlich Taten folgen. Die Firmen erzählen viel drum herum, sagen, was sein könnte und was ihr Plan wäre, doch im Mittelpunkt der Diskussion sollten die Probleme stehen. Fakt ist: Es kann, soll und muss mehr getan werden – jetzt.“ Und was nimmt Jana von dem Kongress mit? „Ich konnte meine Stimme erheben – für eine Welt, die weiter denkt als bis zur nächsten Saison.“

Nachhaltigkeit als Normalität

Eigensinnig, selbstbewusst und gewissenhaft – Jana steht für ihre Werte, Ansichten und Überzeugungen ein. Das wünscht sich jeder. Jana Kerkhoff hat ihr ganzes Leben auf einen bewussten Konsum umgestellt. Die Einteilungin „reguläre“ und „faire“ Mode ndet sie fatal. Ihrgrößter Wunsch ist es, wenn Nachhaltigkeit zur Normalität wird. „Irgendwann soll es Geschichte sein, dass wir Menschen ausgebeutet und den Klimawandel vorangetrieben haben.“

Ihr Plan für die Zukunft: einen Beitrag zu leisten, um die Modebranche nachhaltiger zu machen. Da die Produktionskette in der Mode sehr komplex und intransparent ist, haben viele Firmen massive Probleme, einen umweltbe- wussten Weg einzuschlagen. Jana möchte genau daran arbeiten, die Firmen bei der öko-fairen Produktion zu unterstützen. Ein Beruf mit Zukunft, für die Zukunft.

Stand 2019

Fotos: Grant Hawkins/ Jana Kerkhoff

 

 

Eine Reise mit Bedeutung: Jana Kerkhoff auf ihrem nachhaltigen Ausflug nach Kambodscha

Foto: Jana Kerkhoff

 

 

Jana Kerkhoff: Bei jeder Fashion Revolution Week ist sie dabei 

Foto: Jana Kerkhoff

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