Who made my clothes?

Who made my clothes?

Die britische Organisation Fashion Revolution setzt sich für mehr Transparenz und Fairness in der Bekleidungsindustrie ein – mit Erfolg.

 

TEXT Linda Gerolstein

Der 24. April 2013 ist ein Tag, den die Modeindustrie wohl nie vergessen wird. Das achtstöckige Fabrikgebäude Rana Plaza in Dhaka stürzt ein. Trotz eines Polizei-Verbotes arbeiteten unzählige Menschen dort an diesem Tag. 1128 Todesopfer. 2500 Verletzte. „That’s when Fashion Revolution was born“, sagt die Menschenrechtsorganisation selbst über dieses schreckliche Ereignis – der schwerste Fabrikunfall in der Geschichte von Bangladesch. Ihre Forderungen an uns: mehr nachdenken, mehr hinterfragen, mehr fordern.

Hast du dir schon einmal Gedanken darübergemacht, wer dein T-Shirt gemacht hat? Ein Erwachsener oder ein Kind? Eine Frau oder ein Mann? Schätzungsweise 75 Millionen Menschen fertigen weltweit Kleidung. 80 Prozent von ihnen sind Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren. Bis unser Lieblingsshirt aber fertig im Geschäft liegt, hat es schon eine sehr lange Reise hinter sich gebracht. Und damit ist nicht nur der Weg bis nach Deutschland gemeint. FarmerInnen, SpinnerInnen, WeberInnen, FärberInnen, NäherInnen und noch viele mehr sind an dem Prozess beteiligt. Und die Produktionskette ist alles andere als fair. Extreme Armut, geringer Lohn und menschenunwür- dige Arbeitsbedingungen – das ist der Alltag der ArbeiterInnen. Tag für Tag werden sie ausgebeutet, arbeiten ohne Sicherheitsvorkehrungen und setzen sich gefährlichen Chemikalien aus. Verbale und psychische Beschimpfungen, Erniedrigungen und Missbrauch sind Arbeitsalltag. Die Organisation „Fashion Revolution“ möchte die Art, wie wir Kleidung produzieren und konsumieren, verändern. Alleine die US-AmerikanerInnen werfen ca. 14 Millionen Tonnen an Bekleidung jedes Jahr weg. Das sind über 36 kg pro Person.

Mehr Kleidung für weniger Geld

1918 gab die Menschheit weltweit die Hälfte ihres Geldes für Essen und Kleidung aus. 2018 ist es weniger als ein Fünftel. Unser Konsum und die Bereitschaft, einen angemessenen Preis für Nahrung und Kleidung zu zahlen, haben sich verändert. Wir kaufen mehr Kleidung, geben aber weniger Geld für sie aus. Die Organisation ist überzeugt: „Jedes Mal, wenn wir etwas kaufen, das weniger kostet, als wir es erwartet haben, sind wir an den Auswirkungen dieses Geschäfts beteiligt.“ Und um dieses Verhalten zu ändern, möchte Fashion Revolution mithilfe von Events die Menschen aufklären.

Das Non-Profit-Unternehmen hinter der Kampagne „Fashion Revolution“ sitzt in England und wurde ursprüng- lich von Carry Somers und Orsola de Castro gegründet. Die beiden kümmern sich um Strategie und Kommunikation und arbeiten eng mit einem Beratergremium zusammen. Zur Community gehört jeder, der in der Zulieferer-Kette involviert ist. FarmerInnen, ProduzentInnen, KäuferInnen, DesignerInnen, HändlerInnen und KonsumentInnen. Jeder, der sich engagieren möchte, kann zum Netzwerk dazu gehören und mitmachen.

Die Fashion Revolution Week

Doch was passiert eigentlich während der Fashion Revolution Week? 92 Länder veranstalten eine Woche lang verschiedene Events. Kleidertauschpartys, Poetry Slams, Expertendiskussionen und Informationsrunden – überall lernt man etwas Neues. Auch in Deutschland nehmen viele Organisationen teil. In Städten wie Hamburg, Berlin, München, Mainz, Bonn, Nürnberg oder Köln laufen viele Veranstaltungen, um auf die Ausbeutung in der Modein- dustrie aufmerksam zu machen. Das Ganze bezieht sich auf den Hashtag #whomademyclothes. Man macht einfach ein Foto von dem Etikett eines Kleidungsstücks, markiert die jeweilige Marke, setzt den Hashtag unter das Bild und postet es in den Sozialen Netzwerken. Ziel der Aktion ist es, Druck auf die Marken und Händler auszuüben. Sie werden aufgefordert, transparent zu sein und die Frage zu beantworten: „Wer hat meine Kleidung gemacht?“. Die Fashion Revolution Week endet in der letzten Aprilwoche statt und schließt somit den 24. April ein – den Gedenktag von Rana Plaza.

„Who made my clothes?“ fragt Fashion Revolution

Die Initiative wächst von Jahr zu Jahr: 2018 hatten so viele Menschen wie nie zuvor das Projekt mit den unterschiedlichsten Aktivitäten unterstützt. Mehr als 1000 Events wurden gelistet, unter dem Hashtag #whomademyclothes wurden 720 Millionen Bilder gepostet. Weltweit berichteten darüber Magazine wie Forbes, Vogue, The Telegraph, The Guardian oder Huftington Post. Immer mehr Labels wie Zara, Massimo Dutti und G-Star Raw reagierten auf die entscheidende Frage „Who made my clothes?“ Auch Berlin stand 2018 und 2019 im Zeichen der Fashion Revolution Week: Dafür planten AktivistInnen in Deutschlands Hauptstadt etwas ganz Besonderes: den „Run it your way“- Flash-mob. Auf dem Alexanderplatz wurde vor Fast Fashion Stores eine Modenschau inszeniert. Für einige Minuten wurden die PassantInnen aus ihrer gewohnten Shopping-Routine gerissen. 2019 gab es eine Demo vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor. Zusätzlich informierten zahlreiche andere Events – vom Workshop bis hin zum Filmabend – rund um das Thema Fair Fashion.

Transparenz und Fairness brauchen Zeit 

Doch das, was bisher erreicht wurde, ist nicht genug. Es ist wichtig, die Öffentlichkeit auf die Probleme
der Textilindustrie aufmerksam zu machen, Wissen weiterzugeben und mit Veränderungen zu beginnen. Es liegt noch ein langer Weg vor uns und es gibt noch viel zu tun, um weltweite faire Produktionen mit angemessenen Bezahlungen garantieren zu können. Doch es liegt auch an uns, den KonsumentInnen. Unser Verlangen nach neuesten Produkten, Trends und die Eigenschaft, alles schnell zu verbrauchen, müssen wir ändern. Wie Vivienne Westwood es perfekt zusammengefasst hat: „Buy less, chose well, make it last.“

 

Stand 2019
 
Fotos: SoFa Design Institute, Fashion Revolution
Label: Fashion Revolution 
 
 
 
 
 
 
Fotos: SoFa Design Institute, Fashion Revolution
Label: Fashion Revolution 

 

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