Selbstversuch #307

Selbstversuch #307

TEXT: Emma Engel

Ich bin gescheitert. Das Licht brennt. Die Heizung läuft. Das Wasser wird warm. Ich habe aufgegeben. Es ist egal, was ich mache, es geht nicht. Wenn ich die Reste meines Essens in den Mülleimer werfe, fühle ich mich schlecht; und wenn ich morgens meinen Kaffee genieße, weiß ich, dass er den weiten Weg aus Mittelamerika hinter sich hat. Wenn ich meine Kleidung zum Altkleidercontainer bringe, landet sie irgendwo in Ghana und schadet der dortigen Bekleidungswirtschaft. Kurzum: Ich bin kläglich gescheitert.

Doch jetzt von Anfang an. Wer bin ich? Oder besser gesagt: Ich bin nicht alleine. Ich oder noch besser gesagt: Wir gehören zum Ö-Team. Das ökologische Team, das nun aufgibt. All unsere Bemühungen, nachhaltig zu leben, sind misslungen. Wir wollten es so dringend. Gut zur Umwelt sein und vor allem gerecht. Nur so viel nehmen, wie man braucht. Nur die Optionen nutzen, die wirklich niemandem schaden. Wir wollten endlich ein reines Gewissen. Unsere Motivation kommt von Bildern und Geschichten der Brutalität. Seien es gequälte Tiere, die durch Hormone Turbohochleistungen erbringen sollen oder die gleichgültig aussortiert werden, sobald sie ihren Nutzen nicht mehr erfüllen. Die Liste ist endlos lang – man denke nur an den CO2-Ausstoß.

„Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen“. Das ist der einzige kritische Film, der mich mit einem positiven Gefühl zurücklässt. Er beschäftigt sich mit vielen Projekten rund um den Globus, in denen Menschen wie du und ich anpacken, um ihre und unsere Zukunft zu ändern. In den Bereichen Landwirtschaft, Energie, Wirtschaft, Demokratie und Bildung werden alternative Ansätze zum Status Quo porträtiert. Filme wie „What the Health“, „Before the ood“, „Cowspiracy“ und unzählige andere hingegen hinterlassen Hoffnungslosigkeit.

Gewissen gegen Gemütlichkeit

Nachdem wir das Elend in Filmen gesehen haben, in Büchern und Berichten darüber gelesen und unterstützende Expertenmeinungen hinzugezogen haben, stand es für uns fest: Wir wollen es besser machen! Wenigstens einen Tag lang wollten wir ein besserer Mensch sein. Wie es wohl wäre, am Abend ins Bett zu gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Ben, Katharina und ich haben es versucht. Wir haben unsere Bequemlichkeit unterdrückt und uns von unserem Konsum- und Wohlstandlevel distanziert, an das wir uns gewöhnt haben.

Zeit zum Aufstehen. Ich schalte das Nachtlicht ein. Es wird langsam heller. Ich benutze inzwischen Stromsparlampen, aber nachhaltig ist es trotzdem nicht. Ich muss in einer Stunde in der Uni sein. In meinem Kleiderschrank herrscht das absolute Chaos. Die Suche nach fairer Kleidung lohnt sich gar nicht erst. Ich habe nur ein nachhaltiges Shirt, das mich neunzig Euro gekostet hat. Zu dem weißen T-Shirt lässt sich allerdings der rot-gestreifte Second Hand-Rock gut kombinieren. Zum Mittag habe ich mir etwas mitgenommen, denn in der Unikantine wird das Essen immer in Plastikbehältern serviert. Somit ist die Aussicht auf Nachhaltigkeit gleich null. Meinen Salat hingegen habe ich mir in eine wiederverwendbare Dose eingepackt und eine Gabel von zu Hause mitgebracht. Ich gebe mein Bestes.

Katharina ist hektisch auf dem Weg zur Arbeit. Die Hälfte wieder einmal Zuhause vergessen, zurück, jetzt bleibt kaum noch Zeit. Schnell kauft sie sich noch um halb acht beim Bäcker neben der Grundschule einen Kaffee zum Mitnehmen und ein belegtes Brötchen. An einen eigenen Becher hat sie gedacht, doch ihr Brötchen wird in eine „Wegwerftüte“ eingepackt. Das hatte sie einfach nicht auf dem Schirm.

Ben hingegen sitzt seit bereits einer Stunde im Rübenreinigungslader. Er ist Landwirt und verkauft seine Ernte regional. Leider verdient er kaum etwas mit seinem Gemüse, da es nicht den Vermarktungsnormen der EU entspricht. Er verliert siebzig Prozent seiner Ernte: Die Rüben sind zu groß oder zu klein, haben eine ausgeprägte Krümmung oder angefressene Blätter. Fast dreiviertel seiner Ernte verfüttert er an die Schweine des Nachbarn. Die freuen sich natürlich, wenn es die leckeren, aber krummen Rüben gibt. Bens Frau, Margarete, hat ihm leckere Bauernschnitten zum Mittag geschmiert. So kann er in Ruhe essen und sich den Weg mit dem Rübenreinigungslader sparen. „Das Ding frisst auch noch Sprit ohne Ende“, betont Ben jedes Mal nach der Ernte. Er hätte gerne „eins von diesen neuen Teilen, die man vor der Nutzung nicht erst reparieren muss.“ Die Schnitten sind natürlich mit frischem Fleisch vom Metzger aus dem Dorf, der nur regionales Fleisch verkauft – wie z.B. die Schweine des Nachbarn.

Erfolg ist relativ 

Auf dem Weg nach Hause hält Katharina bei „BIOlogi- cal“ – dem Bioladen bei ihr um die Ecke. Sie nimmt die Herausforderung wirklich ernst und ist daher auf der Suche nach dem passenden Waschmittel. Eins, das das Abwasser nicht allzu sehr verunreinigt. Die Wäsche muss danach dennoch gut riechen. Die Auswahl ist winzig und irgendwie riecht alles nach Kernseife. Sie nimmt die kleinste Packung mit. „Das reicht, um es auszuprobieren.“ Während sie zur Kasse schlendert, entdeckt sie noch einen Wäscheduft. Lavendel. Gekauft, gewaschen, getestet. Katharina ist mit dem Ergebnis zufrieden und freut sich über diesen erfolgreichen Aspekt des Selbstversuchs.

Der Tag ist so gut wie vorbei und somit auch unser Selbstversuch. Wir treffen uns zum Abendessen im veganen Restaurant. „Ob das schmeckt?“ Bens Augen begutachten das Essen der anderen Gäste. Ich sitze Katharina und Ben gegenüber. Wie ihr Tag wohl verlaufen ist? Jeder erzählt, worauf er geachtet hat, was genervt hat und wie sie unseren Selbstversuch einschätzen. Schnell wird klar: „Das war nichts.“ Schon als ich die Augen am Morgen öffnete, hatte ich die Challenge verloren. Meine Bettwäsche, meine Federdecke, mein Strom, das saubere Leitungswasser, meine Pflegeprodukte – einfach alles. Besser gesagt, einfach nichts davon ist nachhaltig oder ansatzweise fair produziert. So hat es sich bis auf wenige Kleinigkeiten den ganzen Tag lang über immer und immer wieder gezeigt. Katharina und Ben erging es ebenso.

In der Welt, in der wir leben, ist es unmöglich, zu hundert Prozent nachhaltig zu handeln. Wir können zwar unser Bestes geben und Teilbereiche abdecken, aber man wird immer Fehler machen. So können wir zu Ökostrom wechseln, weniger materialistisch sein, Einwegverpackungen, besonders Plastik, vermeiden, mal auf das Auto verzichten oder weniger Fleisch essen. Dennoch, eins steht fest: Unbefleckt ist keiner von uns und wird es als zivilisierter Mensch niemals werden! Unser Fazit: Trage soviel zur Verbesserung bei, wie du kannst. Ein Prozent Nachhaltigkeit ist immer noch besser als gar nichts.

 

Stand 2018

Collage: Emma Engel

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