SOLIDE IST DAS NEUE COOL

Solide ist das neue cool 

 

TEXT: Allegra Isert & Lara Grobosch

Wo giftige Chemikalien sind, ist sie zur Stelle. Seit 2016 leitet Kirsten Brodde die internationale Detox-Kampagne bei Greenpeace. Sie packt die Umweltsünden an der Wurzel. Über Hamburg, Baustellen und Waffenhandel – die überzeugte Umweltschützerin hat im Gespräch kein Blatt vor den Mund genommen.

 

Sie haben Journalistik und Germanistik studiert. Aber wieso auch noch Medizin?

Ich glaube, ich hatte das Gefühl, dass es gut ist, zusätzlich eine Naturwissenschaft zu studieren. Ärztin wollte ich nie werden. 

 

Hilft die Kombination Ihnen in ihrem heutigen Beruf?

Die naturwissenschaftliche Grundausbildung hat mir immer geholfen. Vor allem jetzt im Umgang mit Chemikalien.

 

Ihr Motto in einem Satz.

Weniger ist mehr!

 

„Ich hatte unterschätzt, wie schmutzig dieses Geschäft ist“

 

Nachhaltigkeit ausgerechnet in der Modebranche?

Ich war empört, dass ich mich mit Mode beschäftigen sollte. Ich war Redakteurin beim Greenpeace Magazin und habe mich mit Themen beschäftigt, die ich wirklich wichtig fand, wie internationaler Waffenhandel. Eine meiner damaligen Kolleginnen sagte, wir würden gerne mal eine Modestrecke im Heft machen. Ich war dagegen. Seit ich mich mit der Modebranche befasse, habe ich den Journalismus gegen die Rettung der Textilindustrie eingetauscht. Ich hatte unterschätzt, wie schmutzig dieses Geschäft ist.

 

Und dann haben Sie Blut geleckt…

Das Thema Nachhaltigkeit hat mich nicht mehr losgelassen. Im Zuge dessen habe ich auch angefangen, meinen eigenen Konsum in Frage zu stellen. Man fängt immer mehr an zu hinterfragen, was und wie viel man kauft, je mehr man darüber weiß, wie Dinge gemacht werden.

 

Nennen Sie drei Worte, die ihren Kleiderschrank beschreiben.

Hanseatisch. Blau. variabel.

 

Was tragen Sie heute?

Heute trage ich einen Rock von Lanius. Mein Oberteil ist ein Tribut an den Lokalpatriotismus,

ich bin ja überzeugte Hamburgerin, das ist vom Hamburger Label Jan ’n June.

 

Welches Eco-Label tragen Sie am liebsten?

Wenn ich dem etwas strengeren Dresscode gehorchen muss, dann trage ich gerne Lanius. Oder auch Nudie Jeans oder KOI. Ich trage natürlich auch etwas von Armed Angels, wobei das inzwischen so ein Massenlook geworden ist. Ich habe zum Beispiel Einzelteile von kleineren Labels, wie eine Tunika aus Peace Silk von Anna Maria Angelika.

 

„Die Modeindustrie wird nicht über Nacht vom Saulus zum Paulus“

 

Passiert etwas in der Textilindustrie?

Die Textilindustrie bewegt sich Hose für Hose und T-Shirt für T-Shirt fort. Nur ein Bruchteil wird ökologisch und fair produziert. Die Modeindustrie wird nicht über Nacht vom Saulus zum Paulus.

 

Welches öko-faire Label hat in Ihren Augen Vorbildcharakter?

Interessant ist die Geschichte des schwedischen Jeanslabels Nudie, weil sie erst konventionell produziert haben. Sie sind Mitglied der Fair Wear Foundation. Die gesamte Kollektion ist aus Bio-Baumwolle. Nudies Konzept: zu einem Drittel verkaufen sie neue Jeans, zu einem Drittel haben sie ihren Reparaturservice und ein Drittel ist Secondhand. Ein ganz neues Ladenkonzept, das sehr interessant ist.

 

Wo können andere Labels starten, wenn sie nachhaltig werden wollen?

Da spreche ich jetzt natürlich als Greenpeace-Aktivistin. Als erstes: An Transparenz arbeiten. Ihr müsst wissen, wo und wie ihr produziert. Für mich liegt das Hauptaugenmerk auf der ökologischen Bilanz der Produktion.

 

„Die KundInnen müssen sich informieren“

 

Wie kann man als VerbraucherIn glaubwürdige Fair Fashion erkennen?

Am Design sieht man den Unterschied idealerweise nicht. Ökologische und faire Labels kann man oft daran erkennen, dass sie entsprechende Zertifikate oder Siegel haben. Es gibt ja eine ganze Reihe von Siegeln. Manche, die die Firmen sich auch selbst erfinden. Hier gibt es „Conscious“, da gibt es „Join Life“ – viele Zeichen tragen zur Verwirrung bei. Woher soll ich als KonsumentIn wissen wie gut oder schlecht ein Siegel ist? Wenn ich gerade verstanden habe was GOTS ist, kommen die Firmen mit vier oder fünf anderen Siegeln mit Kunstnamen. Dann setzt ganz oft bei KonsumentInnen das Gefühl ein, möglicherweise wollen die Firmen mich an der Nase herum führen. Bevor man als Depp abgestempelt wird, kauft man eher gar nicht ökologisch und fair. Harmonisierung bei den Siegeln könnte das möglicherweise beheben.

 

Woran erkennt man Greenwashing?

Greenwashing ist nicht so einfach zu erkennen, weil ja nicht mehr so platt gelogen wird. Informationen werden verdreht oder weggelassen. Sustainable Cotton hört sich erst mal gut an, ist aber nicht unbedingt Bio-Baumwolle. Die Unternehmen setzen darauf, dass bei den KonsumentInnen nicht genügend Kenntnisse vorhanden sind, um die Lüge zu erkennen. Das ist eigentlich auch schon Greenwashing. Also gibt es leider nur einen Weg: Die KundInnen müssen sich informieren.

 

Wer ist der absolute Vorreiter in der Detox Campaign?

Sie werden es nicht glauben: Was die Entgiftung und die Chemikalienentfernung betrifft, sind die Fast Fashion Firmen am besten. Inditex und Benetton sind zum Beispiel weit vorne. Und sie sind vor allem  weiter vorne als die Luxusfirmen. Da stellt sich die Frage: Wie bewertet man was? In Punkto Chemikalienmanagement ist Inditex mit Zara gut, aber wie sieht es in Bezug auf Fairness, Materialeinsatz und Abfälle aus? Da merke ich, dass ich mich manchmal mit meiner eigenen Bewertung schwertue.

 

Kleiden sich Menschen bewusster als noch vor ein paar Jahren?

In der Masse nicht. Wir brauchen erstmal eine kleine Gruppe von Leuten, die etwas anders machen und dann eben andere Leute mitziehen. Die Herde kommt dann hinterher. Und das hört sich vielleicht negativer an, als ich es meine: Man erreicht nicht aus dem Stand 80 Prozent der Bevölkerung.

 

„Der Werteverfall ist das Problem“

 

Es gibt noch immer das Argument, dass nachhaltige Mode teuer sei. Was halten Sie davon und was ist ein vernünftiger Preis für Nachhaltigkeit?

Einfache Antwort: Die andere Mode ist zu billig. Warum? Weil natürlich die Umweltschäden nicht eingepreist sind. Stellt euch vor, sie würden für die Schäden, die sie anrichten bezahlen und sie würden faire Löhne bezahlen. Dann wären sie schon längst in einem anderen Preissegment. Die ökologische Mode hat einen reellen Preis. Der Wertverfall ist das Problem, weil es einhergeht mit dem Verlust von Respekt. Auch der Industrie ist der Respekt verloren gegangen.

 

In einem Satz: Warum muss sich in der Modewelt etwas  verändern?

Weil Kleidung, wie sie jetzt produziert wird, einfach nicht anständig produziert wird.

 

Was würden Sie sagen, ist das größte Problem der Modebranche?

Das Tempo. Ich rede immer über Fast Fashion und die Mengenproduktion, aber das Tempo hat auch High Fashion erreicht. Auch die Luxuslabels drücken ganz schön auf die Tube, was den Kollektions- Rhythmus betrifft. Es gibt viele Baustellen in der Modebranche.

 

Wenn Sie nur eine Sache ändern könnten, was wäre es?

Da sagt jetzt die Umweltschützerin: faire Löhne. Emotional ist diese millionenfache Ausbeutung etwas, was ich wirklich schwer ertragen kann. Da spricht mein Gerechtigkeitssinn. Ich würde jetzt eben nicht sagen: Verzicht auf alle schädlichen Chemikalien – abgesehen davon, dass ich meine Kampagne natürlich schon gewonnen habe. Für mich wäre es ein echter Durchbruch, wenn die wenigen, die knochenhart – hinter jedem Turnschuh und jedem T-Shirt – schuften, menschenwürdig bezahlt werden.

 

„Solide ist das neue cool“

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Mode?

Die gleiche Menge, die jetzt produziert wird, darf nicht in öko und fair produziert werden. Eigentlich will ich, dass weniger Kleidung hergestellt wird, aber das auf höherem Niveau. Wahrscheinlich ist solide das neue cool. Solide ist zwar so ein altes Wort, aber egal, ob es auf Produktion oder Verarbeitung bezogen ist, solide würde ich gut finden. Achtung: Ich ärgere mich auch über Öko-Labels, die nicht solide arbeiten. Sachen, die schnell kaputt gehen, sind einfach nicht gut produziert.

 

Was möchten Sie der Welt mitteilen?

Wir alle sind BürgerInnen, für die es wichtig ist, sich zu engagieren. Es lohnt sich, sich für Dinge einzusetzen. Man soll sich nicht nur darüber definieren, was man kauft, sondern darüber, wofür man lebt und träumt.

 

Stand 2019

Header Foto: Kirsten Brodde bei der „Make Smthng Week“ in Berlin im Rahmen der Greenpeace Detox Campaign, Copyright: Manuela Clemens/Greenpeace

Fotos: Rene Zieger, Bente Stachowske/Greenpeace

Kirsten Brodde von Greenpeace kämpft für eine grünere Modebranche.

Foto: Rene Zieger

 

Unter dem Motto „Buy nothing – Make something“ zeigt Greenpeace Alternativen zum Wegwerfkonsum.

Foto: Bente Stachowske/Greenpeace

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